Nein. / Wenn Angst tötet
Capture-Myopathie an Silvester

Wenn Angst
tötet

Wildtiere können an Silvester sterben, ohne dass ein einziger Funke sie trifft. Der Stress allein reicht. Hier erfährst du Schritt für Schritt, warum das so ist, woran du es erkennst und wie du richtig hilfst.

Extra: Wildtiere

Wenn Angst tötet

Wildtiere müssen nicht verletzt werden, um an Silvester zu sterben. Der Stress allein kann reichen. Ihr Kreislauf bricht zusammen, das Herz versagt, manchmal sofort, manchmal erst Tage später.

Herzfrequenz
50 / min
Ruhe im Winterquartier
Vereinfachte Darstellung. Puls-Werte wie bei einem Gänsegeier im Zoo Salzburg gemessen.[5]

Was im Körper passiert

Ein Knall löst bei Wildtieren die Flucht- oder Kampfreaktion aus. Stresshormone wie Adrenalin fluten den Körper, Herzschlag und Atmung schnellen hoch, die Muskeln verbrauchen in kurzer Zeit enorm viel Energie. Es entsteht Milchsäure, der Körper übersäuert und überhitzt.[22]

Bei starker oder anhaltender Belastung zerfallen Muskelzellen. Dabei frei werdende Stoffe schädigen die Nieren, ein hoher Kaliumspiegel kann das Herz aus dem Takt bringen bis zum Kammerflimmern.[22] In der Wildtiermedizin heißt dieses Krankheitsbild Capture-Myopathie, die plötzlichste Form Capture Shock.

Bekannt ist es vor allem vom Einfangen und Transport von Wildtieren, wo es zu den häufigsten Todesursachen zählt. Betroffen sind unter anderem Rehe und Hirsche, Gämsen sowie viele Vogelarten.[22] Panik und Fluchtstress in der Silvesternacht setzen dieselben Abläufe im Körper in Gang.

Verständlich erklärt

Capture-Myopathie in einfachen Worten

Der Name klingt kompliziert, das Prinzip ist es nicht. „Capture“ heißt Einfangen, „Myopathie“ heißt Muskelerkrankung. Gemeint ist: Ein Wildtier gerät in so extremen Stress, dass sein eigener Körper sich dabei zerstört. Entdeckt wurde das beim Einfangen von Wildtieren, beschrieben erstmals 1964 bei einer Antilope in Kenia.[22] Was das Tier auslöst, ist aber nicht das Netz, sondern die Todesangst. Und die erleben Wildtiere in der Silvesternacht stundenlang.

Wie ein Motor im roten Bereich

Ein Motor, der zu lange Vollgas fährt, überhitzt und frisst sich fest. Die Muskeln eines fliehenden Tieres laufen genauso auf Höchstlast, bis sie Schaden nehmen.

Wie Muskelkater, nur tödlich

Muskelkater entsteht durch winzige Risse im Muskel. Bei Capture-Myopathie zerfallen Muskelfasern in großer Zahl. Ihr Inhalt läuft ins Blut.[22]

Wie ein verstopfter Filter

Die Nieren filtern das Blut. Der Muskelfarbstoff aus den zerstörten Muskeln setzt sie zu wie Kaffeesatz einen Filter. Die Nieren können versagen.[22]

Wie ein Taktgeber, der stolpert

Aus kaputten Zellen tritt Kalium aus. Zu viel davon im Blut bringt den Herzschlag aus dem Takt, bis hin zum Kammerflimmern.[22]

Interaktiv

Was im Körper eines Rehs passiert

Tippe auf die roten Punkte. Jeder steht für ein Organ, das bei Todesangst an seine Grenze kommt.

Anatomische Darstellung eines Rehs mit Skelett, Herz, Lunge, Nieren und Muskeln
Organ

Tippe auf einen Punkt

Links siehst du ins Innere eines Rehs. Jeder rote Punkt erklärt, was an Silvester in diesem Teil des Körpers passiert.

Schritt für Schritt

Die Kettenreaktion

Scrolle durch die sieben Stufen. Links siehst du, wie sich der Zustand des Tieres verändert. Die Anzeigen sind eine vereinfachte Darstellung, keine Messwerte.

Stufe 1 · Ruhe
Puls
Temperatur
Übersäuerung
Muskelschaden
Nieren
1

Winterruhe

Ein Reh steht nachts am Waldrand. Im Winter läuft sein Körper auf Sparflamme: wenig Bewegung, ruhiger Puls, jede Kalorie zählt. Nahrung ist knapp, die Reserven müssen bis zum Frühling reichen.

2

Alarm im Kopf

Ein Böller explodiert. Das Gehirn schlägt Alarm und schaltet auf Flucht. Die Nebennieren schütten Adrenalin aus. Innerhalb von Sekunden rast das Herz, die Atmung beschleunigt sich, Zucker wird für die Muskeln freigesetzt.[22]

3

Flucht ohne Ziel

Das Reh rennt. Aber überall knallt es, es gibt keine sichere Richtung. Die Muskeln arbeiten so hart, dass der Sauerstoff nicht mehr reicht. Sie verbrennen Energie ohne Sauerstoff, dabei entsteht Milchsäure.[22]

4

Der Körper kocht und übersäuert

Die Muskelarbeit erzeugt Hitze, die das Tier nicht schnell genug loswird. Die Körpertemperatur steigt, das Blut übersäuert. Bei Säugetieren und Vögeln ist das ein gefährlicher Zustand.[22]

5

Muskeln zerfallen

Muskelzellen gehen in großer Zahl kaputt. Ihr Inhalt läuft ins Blut: der Muskelfarbstoff Myoglobin und Kalium. Fachleute nennen das Rhabdomyolyse.[22]

6

Herz und Nieren versagen

Das Myoglobin verstopft die Nieren. Das Kalium bringt das Herz aus dem Takt. Im schlimmsten Fall kommt es zum Kreislaufkollaps oder Kammerflimmern. Das Tier stirbt, manchmal schon nach Minuten.[22]

7

Oder: Tod auf Raten

Manche Tiere überleben die Nacht und wirken am nächsten Morgen fast normal. Der Schaden ist trotzdem da. Sie taumeln, können nicht mehr aufstehen und sterben Tage oder Wochen später. Gerät ein vorbelastetes Tier erneut in Stress, kann es innerhalb von Minuten sterben.[22]

Die vier Verlaufsformen

Minuten bis 6 Stunden

Capture Shock

Plötzlicher Tod durch Kreislaufversagen. Das Tier atmet schnell, der Puls wird schwach, die Körpertemperatur steigt.

Stunden bis Tage

Akute Form

Taumeln, verdrehter Hals, dunkler Urin. Die häufigste Form. Mit Glück und Hilfe überleben leichte Fälle.

Nach 1 bis 2 Tagen

Muskelrisse

Muskeln reißen, das Tier kann nicht mehr stehen. Meist stirbt es innerhalb von Tagen oder Wochen.

Beim nächsten Schreck

Verzögerter Tod

Ein vorbelastetes Tier gerät erneut in Stress und stirbt innerhalb von Minuten.

Einteilung nach Breed et al., Conservation Physiology 2019.[22]

Besonders gefährlich

Warum gerade Silvester

Mitten im Winter

Die Tiere haben kaum Reserven. Jede Flucht kostet Energie, die nicht ersetzt werden kann.[17]

Stunden statt Sekunden

Ein Fressfeind ist nach kurzer Zeit weg. Feuerwerk knallt stundenlang. Der Körper kommt nie zur Ruhe.

Kein sicherer Fluchtweg

Es knallt aus allen Richtungen. Das Tier rennt weiter und weiter und erschöpft sich völlig.

Dunkelheit und Rauch

Vögel und Wild sehen kaum etwas. Kollisionen kommen zum Stress dazu.[16]

Der zweite Stress

Am Neujahrsmorgen finden Menschen erschöpfte Tiere und wollen helfen: einfangen, festhalten, im Auto transportieren. Genau dabei ist Capture-Myopathie bekannt geworden. Gut gemeinte Hilfe kann den letzten Schritt auslösen.[22]

Wiederholter Schreck

Ein Tier, das schon einmal in Panik war, kann beim nächsten Stress innerhalb von Minuten sterben.[22]

Interaktiv

Was das Risiko erhöht

Wähle aus, was auf ein Tier in der Silvesternacht zutrifft, und sieh, wie das Risiko steigt. Grundlage sind die in der Fachliteratur genannten Risikofaktoren.[22] Die Anzeige ist eine Veranschaulichung, keine Diagnose.

0 / 100
Risiko: gering
Für Finderinnen und Finder

Woran du einen Stress-Schock erkennst

Diese Anzeichen beschreibt die Fachliteratur bei Capture-Myopathie.[22] Wenn du eines davon siehst: Abstand halten und sofort Fachleute rufen.

Sehr schnelle AtmungHecheln, offener Schnabel oder Maul
ZitternMuskelzucken, Beben
TaumelnSchwanken, Umfallen
Verdrehter HalsKopf schief oder nach hinten
Kommt nicht hochSteife oder schwache Hinterbeine
Dunkler UrinBraun wie Kaffee oder Cola
Wirkt zahmLässt sich anfassen, reagiert kaum
ÜberhitztKörper fühlt sich sehr warm an
Mythen und Fakten

Was viele falsch machen

Tippe auf eine Karte, um den Fakt zu sehen.

Mythos

„Es lässt sich anfassen, also ist es zahm.“

Fakt

Ein Wildtier, das sich anfassen lässt, ist meist erstarrt vor Angst oder im Schock. Jede Berührung ist für es ein Angriff.

Mythos

„Es ist ja nicht verletzt.“

Fakt

Stress allein kann töten. Capture-Myopathie braucht keine Wunde.[22]

Mythos

„Gestern ging es ihm doch gut.“

Fakt

Der Tod kann Tage oder Wochen später kommen, wenn die Muskeln zerfallen oder die Nieren versagen.[22]

Mythos

„Ich lege es schön warm auf die Heizung.“

Fakt

Überhitzung gehört zum Problem. Ruhig, dunkel und nicht zu warm. Was das Tier genau braucht, entscheiden Fachleute.

Mythos

„Erst mal Wasser und Futter geben.“

Fakt

Nichts einflößen. Geschwächte Tiere können sich verschlucken und ersticken. Füttern ist Sache der Fachleute.

Mythos

„Wildtiere sind hart im Nehmen.“

Fakt

Capture-Myopathie ist eine der häufigsten Todesursachen beim Umsiedeln von Wildtieren.[22] Sie sind empfindlicher, als sie aussehen.

Richtig helfen

Was hilft und was schadet

Das hilft

  • Abstand halten und beobachten
  • Kinder und Hunde fernhalten
  • Nur bei akuter Gefahr sichern: mit Tuch abdecken, in einen Karton mit Luftlöchern
  • Dunkel, leise und nicht zu warm stellen
  • Fundort merken
  • Sofort Fachleute anrufen und Wege kurz halten

Das schadet

  • Hinterherrennen und um jeden Preis einfangen
  • Streicheln, herumreichen, ansprechen
  • Fotos mit Blitz, Licht ins Gesicht
  • Füttern oder Wasser einflößen
  • Auf die Heizung oder in warme Räume
  • Lange selbst behalten statt Hilfe holen

Belegt aus Silvesternächten

  • Plötzlicher Tod im Flug. Berlins Landestierschutzbeauftragte Dr. Kathrin Herrmann warnt, Stress könne einen lebensbedrohlichen Schock auslösen: Plötzlicher Tod, zum Beispiel mitten im Fliegen, kann die Folge sein.[20]
  • Tote Krähen am Schlafplatz. Ein Wildtierexperte der Berliner Umweltverwaltung fand am Neujahrsmorgen mehr als zehn tote Krähen und hält einen Schocktod für wahrscheinlich.[20]
  • Herzstillstand bei Eichhörnchen. Die Eichhörnchen-Nothilfe meldet jedes Jahr Eichhörnchen, deren Herz in der Knallnacht stehen geblieben ist.[21]
  • Bis zu 20 Prozent der Reserven. Laut NABU verbrennen aufgeschreckte Vögel bis zu einem Fünftel ihrer Energiereserven. Todesfälle sind belegt, viele kommen erst später im Winter.[20]

Ein Wildtier gefunden?

Tiere unter Schock wirken oft ruhig oder zahm. Das täuscht. Jede Berührung, jedes Licht und jede Stimme kann den Zusammenbruch auslösen.

  • Abstand halten, nicht streicheln, keine Fotos aus nächster Nähe
  • Nur bei akuter Gefahr mit Tuch abdecken und in einen dunklen Karton setzen
  • Ruhig, dunkel, nicht zu warm stellen, nicht füttern
  • Sofort Fachleute rufen
Hilfe im Saarland
Zum Weiterlesen

Capture Shock bei Wildtieren

Schock, Kreislaufkollaps und Capture-Myopathie nach Rettung, Handling und Transport

Das Fachbuch von Thorsten Jochum, Einsatzleiter beim Tiernotruf Saarland e.V., erklärt ausführlich, wie Stress Wildtiere töten kann, woran man einen Schock erkennt und wie Retterinnen und Retter Tiere so versorgen, dass sie überleben. Für alle, die Wildtieren helfen wollen, ohne ihnen dabei unbeabsichtigt zu schaden.

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Glossar

Die Fachbegriffe, einfach erklärt

Tierärzte und Wildtierretter benutzen Wörter, die man nicht kennen muss. Hier sind sie übersetzt. Tippe auf einen Begriff.

Belege

Quellen

  1. Umweltbundesamt: Feinstaub durch Silvesterfeuerwerk
  2. Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft: Pressemitteilung Feuerwerk 2024
  3. Max-Planck-Gesellschaft: Feuerwerk beeinflusst Wildvögel langfristig (Kölzsch et al., Conservation Letters 2022)
  4. Mimikama: Faktencheck – Feuerwerk als Belastung für Haus- und Wildtiere
  5. Spektrum der Wissenschaft: Wenn Vögel tot vom Himmel fallen
  6. Schwäbische Zeitung: Importe auf Rekordniveau (Daten: Statistisches Bundesamt)
  7. zooplus Magazin: Das Katzengehör
  8. pressetext: Feuerwerkskörper – eine Gefahr für das Ohr
  9. aponet: Verkaufsverbot reduziert Augenverletzungen um 80 Prozent
  10. Bundestierärztekammer: Silvester – purer Stress für Tiere
  11. Presseportal: Tiere an Silvester – Hinweise für Tierhalter
  12. IHK: Verkauf von Feuerwerksartikeln
  13. Stadt Heilbronn: Übersicht Regelungen Pyrotechnik
  14. heidelberg24: Silvesternacht 2025/26 – Bilanz
  15. hessenschau: Tierschützer fordern Verzicht auf Silvesterfeuerwerk (NABU Hessen, Deutsche Wildtier Stiftung)
  16. Presseportal: Wildtierfreundliches Silvester (Deutscher Jagdverband)
  17. ÖKO-TEST/dpa: Laute und helle Silvesternacht stört Wildtiere
  18. Schwäbische Zeitung: Mehr als 200 tote Tiere nach Silvester (Statistik Deutscher Tierschutzbund 2022/23)
  19. ScienceDaily: Fireworks cause environmental pollution (Perchlorat-Studie, Oklahoma)
  20. Berliner Zeitung: Experten über schlimme Folgen von Silvester für Tiere (Dr. Kathrin Herrmann, Derk Ehlert, NABU)
  21. DocCheck: Silvester ohne Böller – Wildtiere freut's (Deutsche Wildtier Stiftung, Eichhörnchen-Nothilfe)
  22. Breed et al.: Understanding capture myopathy (Conservation Physiology, 2019)